Die Universität Regensburg konnte in einer Studie nachweisen, dass erwachsene Männer- und Frauengesichter als besonders attraktiv beurteilt werden, wenn man sie mit Computerhilfe dem Kindchenschema annähert, also einen gewissen Kindchenanteil hinzumischt. Auch in der Kosmetik wird das Kindchenschema eingesetzt, um die Attraktivität zu erhöhen.
Eine erwachsene Person, die dem Kindchenschema entspricht, wird mit positiven Merkmalen assoziiert: Freundlichkeit, Unschuld, Arglosigkeit, Anschein von Jugendlichkeit und Gesundheit, Erwartung von Fruchtbarkeit (Symons 1979).
Nach Deutsch, Clark und Zalenski (1983) sollten Frauen mit Eigenschaften des Kindchenschemas auf Männer attraktiver wirken, da eine jugendliche Erscheinung mit der Erwartung von Fruchtbarkeit einhergeht. Jedoch meint Buss (1978), dass kindliche Merkmale der Assoziation mit Fruchtbarkeit und der Fähigkeit Kinder aufzuziehen widersprechen könnten. Demnach müsste eine Kombination von Kindchenschema mit Reifemerkmalen den attraktivsten Partner hervorbringen. Zu diesen Merkmalen zählen bei Frauen hohe, hervortretende Wangenknochen, schmale Wangen und dickes Haar.
Braun, Gründl, Marberger und Scherber (2001) untersuchten, inwieweit eine Annäherung der Gesichtsproportionen erwachsener Frauen an das Kindchenschema attraktivitätssteigernd wirkt. Dazu erstellten sie durch Morphing fünf Gesichtsvariationen von sechs verschiedenen Gesichtern, deren Proportionen in 10 %- Schritten an das Kindchenschema angenähert wurde. Aus den Varianten und dem Originalgesicht wählten die Probanden das auf sie am attraktivsten wirkende Gesicht aus. 90,48 % aller Befragten wählten ihren Favoriten aus den dem Kindchenschema angepassten Varianten aus. Im Durchschnitt wurde ein Kindchenschemaanteil von 29,21 % erwählt. Daraus ergibt sich, dass die Charakteristika des Kindchenschemas die Attraktivität von Frauen erhöhen. Auch wurde festgestellt, dass der Gewinn an Attraktivität durch Angleichung an das Kindchenschema von der Attraktivität des Originalgesichts unabhängig ist. Somit kann die Attraktivität einer ohnehin schon attraktiven Frau durch Kindchenschemaattribute noch gesteigert werden.
Hirschberg (1978) fand heraus, dass das Kindchenschema die Attraktivität von Männergesichtern nicht steigert. Zurückzuführen ist dies darauf, dass das hiermit assoziierte Merkmal der Schwäche und Bedürftigkeit nicht mit der sozial erwünschten maskulinen Dominanz einhergehen kann. Dahingegen seien eher Reifemerkmale wie ein großes Kinn, hohe Wangenknochen, tiefe Brauen, schmale Lippen und Augen sowie starker Bartwuchs als Indikator für Zeugungsfähigkeit von Relevanz für männliche Attraktivitätszuschreibungen.
Diesen Annahmen widerspricht eine Studie von Cunningham, Barbee und Pike (1990). Sie gehen von der multiple motive hypothesis of physical attractiveness aus, welche die Attraktivität von Männern für Frauen auf eine Kombination aus kindlichen und reifen Merkmalen zurückführt. Diese Männer erwecken das Gefühl sie versorgen zu wollen, sind aber gleichzeitig mit Reifemerkmalen als Ausdruck von Stärke ausgestattet. Dieses scheinbare Paradox löst sich im Laufe der Experimente auf, da gerade eine Kombination von Reifemerkmalen, wie hohe Wangenknochen (Korrelation mit Physischer Attraktivität: 0,36) und kindlichen Ausprägungen, wie große Augen (Korrelation mit Physischer Attraktivität: 0,49) auf Frauen attraktiv wirken.
Diese Erkenntnisse implizieren, dass Frauen Männer attraktiver finden, von denen sie durch ihr Aussehen eine gleichberechtigte Beziehung erwarten. Die Kombination reifer und kindlicher Merkmale gilt somit als attraktiver als die Extreme. Ein Gesicht mit überdurchschnittlich hohen Reifemerkmalen wird negativ mit Dominanz assoziiert, während ein Gesicht mit überdurchschnittlich starken Attributen des Kindchenschemas auf fehlende Reife schließen lässt.
- Alley, T.R. (1983). Infantile head shape as an elicitor of adult protection. Merrill-Palmer Quarterly, 29, 411-427.
- Braun, C., Gründl, M., Marberger, C. & Scherber, C. (2001). Beautycheck - Ursachen und Folgen von Attraktivität. Projektabschlussbericht. (Retrieved May 22, 2007 from Beautycheck Web site: http://www.beautycheck.de/bericht/bericht.htm)
- Buss. (1978). In: Grammer, K. (2000). Signale der Liebe. Die biologischen Gesetze der Partnerschaft. München: dtv.
- Cunningham, Michael R., Barbee, Anita P. & Pike, Carolyn L. (1990). What do woman want? Facialmetric assesment on multiple motives in the perception of male facial physical attractiveness Journal of Personality and Social Psychology, 59, no. 1, 61-72.
- Deutsch, F.M.; Clark, M.E. & Zalenski, C.M. (1983). Is there a double standard of aging? In: Alley, T.R. (ed.). Social and applied aspects of perceiving faces (36-89). Hillsdale: Lawrence Erlbaum Associates.
- Hassebrauck, M. & Niketta, R. (1993). Physische Attraktivität. Göttingen: Hogrefe
- Hirschberg, N.; Jones, L.E.; Haggerty, M. (1978). What’s in a face. Individual differences in face perception. Journal of Research in Personality, 12, 488-499.
- Symons, D. (1979). The evolution of human sexuality. New York: Oxford University Press.