Kritik

Die 13 Innenminister der Länder mit Rasselisten vertreten den Standpunkt, mit der Auflistung von Hunderassen würden gefährliche Hunde besser kontrollierbar und die Sicherheit der Bevölkerung vor Hundeangriffen würde erhöht. Ebenfalls befürwortet werden Rasselisten vom Deutschen Kinderschutzbund (DKSB) und der Verein Deutsche Kinderhilfe Direkt e.V. (DKD). Angenommen wird oftmals eine erhöhte Beißkraft und eine fehlende Bißlösung bei den betroffenen Hunderassen.

Die Rasselisten werden von einer Vielzahl von Institutionen abgelehnt und für nicht zweckdienlich gehalten, die wichtigsten davon sind: Arbeitsgemeinschaft der Diensthundeführer von Polizei und BGS, Bundestierärztekammer, Bundesverband der beamteten Tierärzte, Bundesverband Praktischer Tierärzte (BPT), Deutscher Tierschutzbund (DTSchB), Gesellschaft für Tierverhaltenstherapie (GTVT), Tierschutzzentrum - Tierärztliche Hochschule Hannover und Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH).

Zum Argument der besonders hohen Beißkraft wird darauf verwiesen, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis für die Behauptung gäbe. Außerdem sei eine erhöhte Beißkraft nicht gleichbedeutend mit erhöhter Gefährlichkeit, da zum Töten eines Menschen schon eine geringe Beißkraft ausreiche. So reiche auch die vergleichsweise geringe Beißkraft eines Menschen aus, einen anderen Menschen zu töten, was sich am Beispiel des Serienmörders Haarmann zeige.

Der Annahme, dass Hunde der gelisteten Rassen ein besonderes Beißverhalten hätten, wird entgegengehalten, dass Hunderassen wie beispielsweise Dobermann und Schäferhund regelmäßig beim Schutzdienst einschlägige Bewertungen erhielten wie bei der Beißarbeit ... sehr triebstark mit einem vollen und festen Griff oder Im Schutzdienst setzt er immer feste, volle Griffe mit vollem Körpereinsatz

Die negativen Auswirkungen von Leinen- und Maulkorbzwang wurden u.a. in der Doktorarbeit von Sandra Bruns angesprochen: "Insbesondere der Maulkorb- und Leinenzwang lässt solche [negativen] Verhaltensveränderungen stark vermuten. So werden Hunde durch das Tragen eines Maulkorbes in ihrer arttypischen Kommunikation behindert. Bestimmte Verhaltensweisen des innerartlichen Sozialkontaktes, wie z.B. Naso-Nasal-Kontakt oder Ano-Genital-Kontrolle, können gar nicht oder nur eingeschränkt durchgeführt werden. Hunde, die einem Leinenzwang unterliegen, sind in ihrer Bewegungsmöglichkeit stark eingeschränkt. Dies kann insbesondere bei bewegungsaktiven Hunden zu mangelnder Auslastung und Frustration führen. Alle genannten Faktoren stellen Stressauslöser dar, die letztendlich die Hemmschwelle aggressiven Verhaltens senken können." und "Auch die gesellschaftliche Ausgrenzung der Hunde, die einem Maulkorbzwang unterliegen, stellt einen bedeutenden Aspekt der Verhaltensbeeinflussung dar. So werden Hunde, die einen Maulkorb tragen, nicht selten intensiv angeschaut, was ähnlich wie die Wesenstestsituation 'Anstarren' einen für diese bedrohlichen Charakter hat. Da das Tragen eines Maulkorbes 'Gefährlichkeit' impliziert, werden solche Hunde häufig von Menschen gemieden, was eine Verarmung der sozialen Umwelt nach sich zieht." (Sandra Bruns: Fünf Hunderassen und ein Hundetypus im Wesenstest nach der Niedersächsischen Gefahrtier-Verordnung vom 5. Juli 2000 Faktoren, die beißende von nicht-beißenden Hunden unterscheiden, Seite 80)
Daraus wird auch von Tierärzten geschlussfolgert, dass ständige Leinenpflicht und ständiger Maulkorbzwang bei einem zuvor unauffälligen Hund künftiges aggressives Verhalten fördern können.

Einige der Rasselisten wurden mit der Begründung erlassen, die Zahl der Hundeangriffe und die Zahl der getöteten Menschen sei in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Medienberichterstattung behauptet oft Ähnliches.

Todesursachen werden in Deutschland nach Codes gemäß ICD-10 gezählt. In der Grafik werden die absoluten Zahlen (blaue Kurve) und die relative Häufigkeit bezogen auf die Bevölkerungszahl Deutschlands (rote Kurve) gezeigt.

Die rote Kurve zeigt die Wahrscheinlichkeit, an einem Hundebiss oder -unfall in Deutschland zu sterben. Diese Kurve hat ihren Höchstwert in den Jahren 1980 und 1981 (je 8,10 Tote pro 100 Mio Einwohner) und weitere hohe Werte in den Jahren 1994 und 2000 (7,39 bzw. 7,24 Tote pro 100 Mio Einwohner). Die Aussage, dass im Jahre 2000 ein Spitzenwert erreicht worden sei, wird nur hinsichtlich der absoluten Fallzahl von der Statistik bestätigt. Insgesamt zeigt die Kurve im Zeitraum von 29 Jahren ein Ansteigen und Abfallen ohne eindeutige Tendenz.

ICD W54 zählt auch solche Fälle, in denen ein Mensch von einem Hund umgestoßen wird und an den Folgen des Sturzes stirbt. Die Gesamtzahl enthält also Fälle von Hundeangriffen ebenso wie Unfälle, die von einem Hund verursacht wurden.

Quelle: Statistisches Bundesamt (ZwSt Bonn), 2003 - Vervielfältigung und Verbreitung, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet.

Die Werte (Anzahl) beziehen sich von 1979 bis 1989 auf die Zahlen für das frühere Bundesgebiet, ab 1990 gelten die Zahlen für Gesamtdeutschland. Zahlen von 1979 bis 1989 aus der DDR liegen nicht vor. Aufgrund der unterschiedlichen Bezugszahlen sind die absoluten Zahlen vor/nach 1990 nicht vergleichbar.
Die rote Kurve berücksichtigt die unterschiedlichen Bezugszahlen.

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